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Qualitätsentwicklung im Kinderschutzsystem

Die Jugendämter in Deutschland tragen neben den Eltern die gesetzliche Zuständigkeit und umfassende Verantwortung für das Thema Kinderschutz. 2016 wurden rund 136 900 Verfahren zur Einschätzung der Gefährdung des Kindeswohls durchgeführt. Das ist ein Anstieg von 5,7% gegenüber dem Vorjahr.

Eine Begründung für den Anstieg ist unter anderem die gewachsene gesellschaftliche Aufmerksamkeit für den Schutz misshandelter und vernachlässigter Kinder und Jugendlicher. Die Zahlen zeigen auch: über 90 000 Kinder in Deutschland benötigen Beistand und Unterstützung. Besorgniserregend dabei ist, dass vor allem jüngere Kinder betroffen sind: Beinahe jedes vierte Kind (23,2 %) hatte das dritte Lebensjahr noch nicht vollendet. (Quelle: Destatis, abgerufen am 05.10.2017)

Kinderschutzsystem der Kommune – Prozess der Qualitätsentwicklung

Der Bedarf an wirksamen und greifenden Überprüfungsverfahren sowie Unterstützungsmaßnahmen ist unbestritten. Alle kommunalen Träger der Jugendhilfe haben sich bereits auf den Weg gemacht und Maßnahmen zur Verbesserung ihrer Systeme zum Kinderschutz eingeleitet. Ziel ist eine umfassende und abgestimmte Qualitätsentwicklung für die Kommune, um den Schutz von Kindern und Jugendlichen zu optimieren und um die Wirksamkeit der Maßnahmen beurteilen zu können. Um die notwendigen Entscheidungen treffen zu können kommt u. a. darauf an, Gefährdungslagen rechtzeitig und frühzeitig zu erkennen und richtig einzuschätzen. Deshalb werden verstärkt hilfreiche Instrumente zur Risikoeinschätzung entwickelt und gemeinsam auf verbindliche Verfahrensstandards festgelegt mit dem Ziel, die Prävention zu verbessern.

2017 hat eine Kommune die KGSt beauftragt, ihr vorhandenes Kinderschutzsystem zu analysieren und vorhandene Optimierungsbedarfe aufzuzeigen.

Die Ergebnisse der Begutachtung wurden im Wesentlichen durch drei methodische Zugänge erarbeitet:

  • Prüfung und Auswertung der für die Arbeit im Kinderschutz relevanten Dokumente und Verfahrensregelungen sowie Kooperationsvereinbarungen mit Dritten.
  • Strukturierte Interviews mit Mitarbeitenden auf der Sachbearbeitungs- und Leitungsebene.
  • Analyse von Fallakten in unterschiedlichen Bearbeitungsphasen.

Wer Kinder schützen will, muss Helfer und Helfersysteme verändern!

Um ein vorhandenes Kinderschutzsystem in seiner Qualität weiter zu entwickeln, empfiehlt die KGSt allen Kommunen ein Fachkonzept Kinderschutz zu entwickeln, in dem alle Dokumente und Standards in einen inhaltlichen Zusammenhang gestellt werden. In der praktischen Umsetzung ist es erforderlich, eine qualifizierte Wahrnehmung und ein konsequentes, abgestimmtes Handeln zu einem Gesamtsystem zusammenzuführen. Unverzichtbar sind dabei:

  • Strukturgebende Formen wie Dienstanweisungen oder qualitative Ablaufschemata:
    Das Erlassen von Dienstanweisungen hat dabei mehrere Funktionen: Sie sichern einerseits die Gesamtorganisation vor Fehlern, die zu Organisationsverschulden führen können und andererseits die Mitarbeitenden, die bei Beachtung der Anweisung mit der rechtlichen Unterstützung im Einzelfall durch den Arbeitgeber rechnen können. Die in einer Dienstanweisung festgelegten Standards müssen bei allen Mitteilungen auf gewichtige Anhaltspunkte in der gleichen Qualität bearbeitet werden.
  • Diagnostische Instrumente:
    Das jeweils angewendete Diagnoseinstrument (z. B. Meldebogen o. Ä.) sollte mindestens die Möglichkeit bieten, nach Alter der Kinder und Jugendlichen zu differenzieren sowie unterschiedliche Bewertungsskalierungen anzuwenden. So kann eine präzisere und prognostische Einschätzung des Sachverhaltes sichergestellt werden. Als bundesweite Referenz-Standards gelten hier die Bayerische Diagnosetabelle oder das Stuttgart-Düsseldorfer-Diagnoseinstrument.
  • Regelmäßige Aktenprüfung:
    Die Akten sollten stichprobenartig in regelmäßigen Abständen geprüft und mit einem Prüfvermerk versehen werden. Der mögliche Handlungskorridor in der Bearbeitung bei einer Überprüfung gewichtiger Anhaltspunkte ist klar und eindeutig festzulegen. Nur durch eine regelhafte Aktenprüfung können vereinbarte Dokumentationsstandards sichergestellt werden. Die Akte spielt eine zentrale Rolle als leitendes Dokument bei internen und externen Prüfungen und auch bei strafrechtlichen Untersuchungen.
  • Qualitativ ausgerichtete Einarbeitungskonzepte für neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter:
    Für wirksamen Kinderschutz braucht es Zeit und gut ausgebildete Fachkräfte, die langfristig qualifiziert und eingearbeitet werden müssen. Die Einarbeitung neuer Mitarbeitender und die fachliche Begleitung durch die Leitungskräfte ist deshalb von großer Bedeutung. Auch neue Fachkräfte müssen ggf. sehr schnell wichtige Entscheidungen treffen, die unter Umständen große Auswirkungen vor allem auf die Kinder und Familien, aber auch auf die Gesamtorganisation oder die öffentliche Wahrnehmung kommunaler Pflichtaufgaben haben können. "Der beste Weg, sich vor Organisationsversagen zu schützen, ist es, Kinder effektiv zu schützen."